01 · 600.000 Rentner in Chile – wer sich verrentete, starb seltener

The Effect of Annuities on Longevity · NBER / Kelley School of Business

Chile lässt seine Rentner wählen: lebenslange Verrentung oder schrittweise Entnahme. Alessandro Previtero und Kollegen haben 600.000 dieser Entscheidungen zwischen 2004 und 2022 ausgewertet. Wer verrentete, war nach fünf Jahren um 2,55 Prozentpunkte seltener gestorben, nach zehn Jahren um 3,62. Den naheliegenden Einwand – Gesündere verrenten sich eben eher – haben sie mit einem hübschen Kunstgriff umgangen: Nach schwachen Börsenmonaten wählen deutlich mehr Menschen die Verrentung, also dient die Marktentwicklung vor dem Renteneintritt als Zufallsgenerator. Die Annuitanten investierten außerdem mehr in ihre Gesundheit und meldeten weniger Einschränkungen. Für mich ist das der Fund des Jahres an der Schnittstelle, um die es mir geht: Planungssicherheit ist keine Befindlichkeit, sie steht in der Sterbetafel. Und der Satz der Autoren am Ende sitzt – die gesetzliche Rente ist im Kern ein riesiges Annuitätensystem; wer sie zugunsten privater Entnahmepläne zurückbaut, könnte Langlebigkeitsgewinne zurückdrehen, die er nie als solche verbucht hat.

02 · Semaglutid, erst im Alter gegeben: 834 statt 742 Tage

Late-life semaglutide treatment slows ageing and extends lifespan in female mice · Nature

Zwanzig Monate alte Mäuseweibchen – im Menschenmaß gut jenseits der Lebensmitte – bekamen Semaglutid bis zum Lebensende. Mediane Lebenszeit 834 Tage gegenüber 742 in der Kontrollgruppe, knapp zwölf Prozent, dazu bessere Muskel- und Gedächtnisleistung. Entscheidend ist die zweite Vergleichsgruppe: eine um 24 Prozent kalorienreduzierte Kost, die exakt das Fressverhalten der behandelten Tiere nachbildete. Die Semaglutid-Gruppe schnitt bei Erkundungsverhalten, räumlichem Gedächtnis und Blutzuckerregulation trotzdem besser ab. Der Effekt ist also nicht einfach „weniger essen“ – da wirkt etwas am Nährstoffsensor selbst. Bleibt die Einschränkung, die man nicht überlesen sollte: nur Weibchen, eine Mauslinie, und die Männchen fehlen aus gutem Grund noch.

03 · Wachstumshormon in der Lebensmitte gekappt – die Mäuse wurden fetter und lebten trotzdem länger

Mice With Growth Hormone Halted in Middle Age Live Longer · Lifespan.io / Aging Cell

Bisher kannte man den Zusammenhang nur aus Tieren, denen das Wachstumshormon von Geburt an fehlte – klinisch nutzlos, weil niemand seine Entwicklung nachträglich abschalten kann. Hier wurde der Rezeptor erst mit zwölf Monaten stillgelegt, also mitten im Leben. Beide Geschlechter lebten länger, und zwar vor allem am oberen Ende: Die langlebigsten Weibchen der behandelten Gruppe kamen vier Monate weiter als die langlebigsten Kontrolltiere. Bemerkenswert ist der Körperbau dazu: mehr Fettmasse, weniger Magermasse – eigentlich das Warnbild schlechthin –, aber keine erhöhten Entzündungsmarker, keine Kraftverluste, bei den Männchen sogar bessere Insulinantwort. Das räumt mit der bequemen Gleichung auf, dass Körperzusammensetzung und Gesundheit dasselbe messen. Und nebenbei: Mit Pegvisomant existiert längst ein zugelassener Wachstumshormon-Antagonist, den bis heute niemand daraufhin getestet hat.

04 · Dasselbe Signal, das junge Muskeln wachsen lässt, baut alte ab

Calcium Mishandling Contributes to Muscle Loss · Lifespan.io / Aging Cell

CaMKII steuert, wie Muskelzellen mit Kalzium umgehen, und übersetzt im jungen Körper Trainingsreize in Wachstum. Im alten Muskel ist es dauerhaft aktiv – und richtet dort Schaden an. Der Versuchsaufbau gefällt mir: Ein Virusvektor aktivierte CaMKII in genau einem Schienbeinmuskel, der identische Muskel der Gegenseite blieb im selben Tier die Kontrolle. Nach weniger als zwei Monaten war der behandelte Muskel kleiner und Gramm für Gramm schwächer, nach neun Monaten deutlich geschrumpft. Blockierte man zusätzlich den Entzündungsweg NF-κB, blieb die Kraft erhalten, die Masse ging trotzdem verloren – Kraft und Muskelmasse sind zwei verschiedene Baustellen, was jeder bestätigt, der ab fünfzig ernsthaft trainiert. Ein CaMKII-Hemmer schob das Genmuster alter Mäuse Richtung jung und verbesserte die Kontraktionsfähigkeit, ohne die Muskeln größer zu machen. Was in der Jugend nützt, schadet im Alter: ein Lehrbuchfall, der auch für Interventionen gilt, die man sich selbst verordnet.

05 · 19 Billionen Dollar – und die Verschiebung dahinter ist interessanter als die Summe

How ageing consumers are reshaping the global economy · World Economic Forum / World Data Lab

Vergangene Woche ging es hier um Gesundheitskosten, die sich einsparen ließen. Diesmal um die andere Richtung: ums Ausgeben. Die über Sechzigjährigen stellen 15 Prozent der Weltbevölkerung und bestreiten 27 Prozent aller Konsumausgaben – 19 von 70 Billionen Dollar, bis 2036 voraussichtlich 34 Billionen. Der spezialisierte Silver-Economy-Markt liegt bei 4,5 Billionen und wächst mit sieben Prozent, während der Konsum insgesamt drei schafft. Aufschlussreich ist das Umschichtungsmuster in den USA: Sozialschutz plus 29 Prozent, Medizinprodukte plus 21, Krankenhausleistungen plus 19, Versicherungen plus 14, Wohneigentum plus 13 – und gleichzeitig Restaurants minus 21, Kleidung minus 14, Fahrzeuge minus 13. Ältere geben nicht weniger aus, sie geben anders aus. Meine Lieblingszahl steht am Rand: Die über 55-Jährigen stellen 34,5 Prozent der Health-and-Beauty-Käufer auf TikTok Shop – mehr als die 35- bis 54-Jährigen. So viel zum digital abgehängten Rentner.

06 · Kaltwasserbecken neben dem Verhandlungstisch

Longevity Investors Conference 2026, Gstaad

Vom 14. bis 17. September trifft sich im Grand Bellevue in Gstaad, was sich die privateste Investorenrunde der Branche nennt. Neben Roundtables und einem neu eingeführten „Moonshot Dinner“ für die besonders ambitionierten Technologien stehen im Programm: geführte Bergwanderungen, Morgenläufe, Atemsessions, Kaltwasser-Immersion. Man kann darüber schmunzeln, und ich tue das auch. Trotzdem steckt etwas darin: Hier probieren Kapitalgeber ihre eigene These am eigenen Körper aus, bevor sie darüber entscheiden. In den meisten Anlageklassen wäre das undenkbar – kein Infrastrukturinvestor übernachtet zur Prüfung im Umspannwerk.

Schlussgedanke

Die stärkste Longevity-Intervention dieser Woche brauchte kein Molekül. Sie war ein Vertrag, der jemandem die Frage abnimmt, wie lange das Geld reicht – und dieser abgenommenen Frage entsprechen 3,62 Prozentpunkte weniger Sterblichkeit nach zehn Jahren. Daneben stehen ein Diabetesmedikament, ein stillgelegter Hormonrezeptor und ein überaktives Kalzium-Signal, alle drei sauber gemessen, alle drei in Mäusen. Ich halte beides für wichtig. Aber wenn ich mir ansehe, wie viel Kapital gerade in die eine Richtung fließt und wie wenig in die andere, dann liegt das billigere Werkzeug seit Jahrzehnten herum – und wir bauen es gerade zurück.

Quellen

The Effect of Annuities on Longevity, NBER / Kelley School of Business — blog.kelley.iu.edu · Late-life semaglutide treatment slows ageing and extends lifespan in female mice, Nature — nature.com/articles/s41586-026-10940-7 · Mice With Growth Hormone Halted in Middle Age Live Longer, Lifespan.io / Aging Cell — lifespan.io · Calcium Mishandling Contributes to Muscle Loss, Lifespan.io / Aging Cell — lifespan.io · How ageing consumers are reshaping the global economy, World Economic Forum / World Data Lab — weforum.org · Longevity Investors Conference 2026, Gstaad — longevityinvestors.ch.