Der Befund liegt auf dem Tisch. Alle Werte im Normbereich, dazu ein Telomer-Test, der ein biologisches Alter ausrechnet. Man liest die Zahl zweimal. Und fragt sich, warum man sich trotzdem nicht so fühlt, wie die Zahl es nahelegt.
Mit dieser Frage ist man nicht allein. Viele Menschen, die sich um sich kümmern, kennen sie: Der Check-up ist in Ordnung, das Blutbild auch, und der Schwung von früher fehlt dennoch.
Ein Spiegelbild, keine Erklärung
Ein Blutbild zeigt, wie etwas gerade aussieht. Warum es so aussieht, zeigt es nicht. Der Telomer-Test verspricht mehr. Telomere sind die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, die bei jeder Zellteilung kürzer werden. Gemessen wird meist ihre durchschnittliche Länge in den weißen Blutkörperchen: ein Mittelwert aus sehr vielen Zellen, an einem einzigen Tag.
Wie viel er über die Zukunft verrät, hat ein Team um Dana Glei geprüft. Es beobachtete 4.571 ältere Menschen in Costa Rica, Taiwan und den USA fünf Jahre lang. Die Telomerlänge unterschied Überlebende und Verstorbene kaum besser als ein Münzwurf. Aufschlussreicher waren Dinge, die man ohne Labor erfährt: wie beweglich jemand ist, wie er seinen Gesundheitszustand selbst einschätzt, ob ihm der Alltag Mühe macht (PLoS One, April 2016).
Auch das Prinzip „länger ist besser“ trägt nicht. Eine große genetische Auswertung unter Leitung von Philip Haycock mit Daten von über 420.000 Krebsfällen fand bei längeren Telomeren ein höheres Risiko für mehrere Krebsarten und ein niedrigeres für die koronare Herzkrankheit (JAMA Oncology, Mai 2017). Ein hoher Wert ist demnach kein Gütesiegel.
Was kein Befund erklärt
Die Beschwerden, die Menschen in der zweiten Lebenshälfte tatsächlich beschäftigen, tauchen in keinem dieser Werte auf. Der Schlaf, der nicht mehr erholt. Das Nachmittagstief, das früher keines war. Der Abend, an dem man auf dem Sofa sitzt und sich eingesteht, dass es mit der Kraft, die man nach außen zeigt, nicht mehr ganz so weit her ist. Der Spaziergang mit den Enkeln, bei dem man sich fragt, ob die Kraft reicht.
Solche Beschwerden bauen sich schleichend auf, aus vielen kleinen Lasten, von denen keine für sich ein Problem ist. Der Körper gleicht sie lange aus, dann irgendwann nicht mehr. Wer nur Messwerte beobachtet, ordnet den Rückzug dem Alter zu, obwohl er oft aus einer Summe besteht, die sich ansehen und verändern lässt. In den Zellen sitzen die Mitochondrien, die deine Energie herstellen. Sie arbeiten mit dem, was der Alltag ihnen lässt.
Ehrlich zu sich selbst
Dazu gehört etwas, das sich leicht überlesen lässt: ehrlich gegenüber sich selbst zu werden. Wer für Familie, Mitarbeiter und alles Übrige Verantwortung trägt, stellt sich selbst häufig an das Ende der Liste und sagt sich, es werde schon gehen. Sich selbst wieder ernst und wichtig zu nehmen, hat mit Eigenliebe nichts zu tun. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme: Wie geht es mir wirklich, und was bin ich mir wert?
Das Stichwort heißt Eigenverantwortung. Die Gesundheit an andere abzugeben, war lange der Normalfall. Heute gibt es die Möglichkeiten, sie selbst zu gestalten und dabei begleitet zu werden. Man kann die Gesundheit zum eigenen Hobby machen und sich so für sie interessieren, wie man sich für alles interessiert, was einem wichtig ist.
Ich habe diesen Weg für mich gesucht und gefunden. Stillstand wäre das Gegenteil davon, deshalb entwickle ich ihn weiter, gern gemeinsam mit anderen, die an sich interessiert sind.
Check-up, Blutbild und Tracker bleiben dabei dein gutes Recht, sie sind eine sinnvolle Ergänzung. Nur sollte niemand glauben, damit sei die Sache erledigt. Eine Kennzahl ist ein Instrument. Das Blutbild darf in Ordnung sein, es weiß ja nur, wie das Blut aussieht.
Quellen: Glei DA et al.: Predicting Survival from Telomere Length versus Conventional Predictors. PLoS One, 6. April 2016, DOI 10.1371/journal.pone.0152486 (PubMed 27049651) · Haycock PC et al.: Association Between Telomere Length and Risk of Cancer and Non-Neoplastic Diseases. JAMA Oncology, Mai 2017, DOI 10.1001/jamaoncol.2016.5945 (PubMed 28241208). Beide Arbeiten am 05.10.2026 in PubMed geprüft.